
15 Jahre nach dem Massaker: Breivik lebt besser als manch unbescholtener Bürger

Am Ufer des Tyrifjords, nur wenige Kilometer von der Insel Utøya entfernt, liegt das Hochsicherheitsgefängnis Ringerike. Dort verbüsst Anders Behring Breivik seit 2022 seine Strafe. Die Haftanstalt befindet sich in unmittelbarer Nähe jener Insel, auf der er am 22. Juli 2011 69 Jugendliche und Betreuer ermordete.

Während Norwegen am 22. Juli der insgesamt 77 Opfer der Anschläge von Oslo und Utøya gedenkt und im wiederaufgebauten Regierungsviertel ein neues nationales Mahnmal einweiht, lebt der Attentäter abgeschirmt von der Außenwelt in einem eigens für ihn eingerichteten Hafttrakt. Breivik, der sich im Laufe der Jahre mehrfach einen neuen Namen gegeben hat, zunächst Fjotolf Hansen, später Far Skaldigrimmr Rauskjoldr av Northriki und zuletzt Jan Johansen, bleibt der bekannteste Gefangene des Landes.
Am Nachmittag des 22. Juli 2011 detonierte eine von Breivik platzierte Autobombe im Regierungsviertel von Oslo. Acht Menschen kamen ums Leben, zahlreiche Gebäude wurden zerstört. Während Rettungskräfte noch nach Überlebenden suchten, setzte der Täter seinen Plan fort.
Als Polizist verkleidet gelangte er auf die Insel Utøya, wo das Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF stattfand. Mehr als eine Stunde lang schoss er gezielt auf fliehende Jugendliche. Erst das Eintreffen einer Spezialeinheit beendete das Massaker. Insgesamt wurden 77 Menschen getötet, 262 weitere verletzt – die schwerste Gewalttat in der modernen Geschichte Norwegens.

Ein Jahr später erklärten Gutachter Breivik für voll schuldfähig. Das Gericht verurteilte ihn zur nach norwegischem Recht höchstmöglichen Strafe von 21 Jahren Freiheitsentzug mit anschließender Sicherungsverwahrung. Diese kann unbegrenzt verlängert werden, solange von ihm weiterhin eine erhebliche Gefahr ausgeht. Nach Einschätzung der Behörden ist eine Entlassung auf absehbare Zeit ausgeschlossen.
Breivik lebt heute nicht in einer gewöhnlichen Gefängniszelle, sondern in einem abgeschirmten Bereich, der ausschließlich für ihn bestimmt ist. Der zweistöckige Komplex umfasst Schlaf- und Arbeitsräume, einen Fitnessbereich, eine Küche, Aufenthaltsräume sowie einen kleinen Innenhof. Er kann Bücher aus der Bibliothek beziehen, mit Bediensteten kochen oder Karten spielen und erhält gelegentlich Besuch eines Pfarrers, Physiotherapeuten oder eines Rotkreuz-Helfers mit Therapiehund. Inzwischen hält die Gefängnisverwaltung sogar Meerschweinchen als Teil der Beschäftigungsmaßnahmen.
15 YEARS AFTER UTØYA:
— Russian Market (@runews) July 22, 2026
Anders Behring Breivik remains in solitary confinement at Norway's Ringerike prison, just miles from the island where he murdered 69 people in 2011.
Authorities still classify him as an "extreme risk of limitless violence" as his ideology continues to… pic.twitter.com/WlnGUAd69D
Die Haftbedingungen Breiviks werfen seit Jahren Fragen auf. Die Gefängnisbehörden erklären die vergleichsweise komfortable Ausstattung mit den außergewöhnlichen Sicherheitsvorkehrungen. Der Täter befindet sich seit 2012 in nahezu vollständiger Isolation. Begegnungen mit anderen Häftlingen finden nur selten und unter streng kontrollierten Bedingungen statt.
Nach Auffassung norwegischer Strafrechtsexperten stellt diese langjährige Isolation die härteste Sanktion dar, die das norwegische Strafvollzugssystem vorsieht. Materielle Erleichterungen sollen die psychischen Folgen zumindest teilweise abfedern.
Breivik hat wiederholt versucht, seine Haftbedingungen gerichtlich anzufechten. Bereits 2016 erhielt er in erster Instanz teilweise Recht, nachdem ein Gericht seine Isolation als menschenrechtswidrig eingestuft hatte. Höhere Instanzen sowie später auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hoben diese Entscheidung jedoch auf.
Auch ein weiterer Versuch, seine Haftbedingungen anzufechten, blieb erfolglos. Vor Gericht bezeichnete Breivik seine Unterbringung als "Kerker", sprach von täglichen Suizidgedanken und erklärte, er sei "kein Hamster". Die Richter schlossen sich dieser Darstellung nicht an. Gutachter sahen keine Hinweise auf eine Depression oder eine akute Suizidalität. Die norwegischen Gerichte bestätigten, dass die Isolation aufgrund der weiterhin bestehenden Gefährlichkeit gerechtfertigt sei.
An seiner Ideologie hat Breivik nach Einschätzung der Behörden nichts geändert. Er versucht weiterhin, über Briefe Kontakte in die rechtsextreme Szene aufzubauen und arbeitet an politischen Schriften. Seine Unterbringung verursacht nach norwegischen Medienberichten Kosten von rund 1550 Euro pro Tag und damit ein Vielfaches dessen, was ein gewöhnlicher Gefangener kostet.

Breiviks Einfluss endet nicht an den Gefängnismauern. Nach Einschätzung des norwegischen Inlandsgeheimdienstes PST hat die rechtsextreme Bedrohung heute ein höheres Niveau erreicht als zur Zeit der Anschläge von 2011.
Sicherheitsexpertin Caroline Cecilie Iwarsson erklärte zum Jahrestag, in den vergangenen Jahren sei die Zahl jener gestiegen, die Breivik offen bewunderten oder sich auf ihn beriefen. Besonders soziale Plattformen wie TikTok beschleunigten Radikalisierungsprozesse erheblich.
Mit Sorge beobachten die Behörden vor allem die zunehmende Zahl minderjähriger Extremisten. In den vergangenen Jahren betreute der PST rund 100 Jugendliche zwischen zwölf und siebzehn Jahren, überwiegend Jungen im Alter von 15 oder 16 Jahren. In Online-Foren verbreiten sie Gewaltvideos, Propaganda und Memes, während Breivik und der Attentäter von Christchurch zu Symbolfiguren stilisiert werden. Radikalisierung verläuft heute häufig deutlich schneller als noch vor einem Jahrzehnt und verbindet sich mit Elementen der Gaming-Kultur und Internet-Subkulturen.
Auch Wissenschaftler des Forschungszentrums C-REX an der Universität Oslo beobachten seit einigen Jahren einen deutlichen Anstieg rechtsextremer Einstellungen in Teilen der norwegischen Bevölkerung.
Norwegen hat nach den Anschlägen bewusst darauf verzichtet, sein Strafrecht grundsätzlich zu verschärfen. Der Rechtsstaat hält am Prinzip fest, dass selbst schwerste Straftäter Anspruch auf Menschenwürde und rechtsstaatliche Behandlung besitzen. Rehabilitation bleibt ein zentraler Grundsatz des Strafvollzugs, auch wenn sie bei Breivik kaum realistisch erscheint.
Diese Haltung stellt die norwegische Gesellschaft vor eine schwierige Aufgabe. Jede neue Klage, jeder Antrag auf Haftlockerung oder Entlassung, zuletzt im Frühjahr 2026, zwingt das Land erneut zur Auseinandersetzung mit dem Täter. Für die Angehörigen der Opfer bedeutet dies immer wieder eine schmerzhafte Konfrontation mit den Folgen der Tat.
Breivik nutzt dieses Spannungsfeld seit Jahren gezielt aus. Er beklagt Isolation, lehnt zugleich angebotene soziale Aktivitäten häufig ab, fordert mehr menschlichen Kontakt und bleibt seiner extremistischen Weltanschauung treu.
Fünfzehn Jahre nach dem 22. Juli steht neben der Erinnerung an die Opfer weiterhin die Frage im Raum, gerechtfertigt die ultraliberalen Grundsätze eines Rechtsstaat sind, wenn ein Täter ebendiese Grundsätze und Rechte immer wieder nutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und noch mehr Zugeständnisse zu erwirken.
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