Meinung

Proteste in Frankreich: Migranten sind größere Patrioten als Macron

Die Ausschreitungen in Frankreich werden überwiegend negativ wahrgenommen. Warum eigentlich, fragt Oleg Jassinski? Die aktuellen französischen Eliten sind Feinde nicht nur Russlands und der Ukraine, sondern auch der großartigen französischen Kultur.
Proteste in Frankreich: Migranten sind größere Patrioten als MacronQuelle: Gettyimages.ru © Richard Bord/Getty Images

Von Oleg Jassinski

Der große Brecht schrieb:

"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"

So wie der tägliche Hintergrundlärm unweigerlich unsere Hörschwelle senkt, so zielen auch die derzeitige spezifische Prägung und Umerziehung durch die Medien darauf ab, uns die letzten Reste unseres Urteilsvermögens zu nehmen. Denn es kostet nichts, jeden noch so vernünftigen Gedanken ins Absurde zu führen. Der zerbrechliche Kern wird durch eine undurchdringliche Form ersetzt.

Eine abstrakt berechtigte Kritik an der Gewalt führt dazu, dass die Gewalt des Faschismus mit der Gewalt derer gleichgesetzt wird, die ihn bekämpfen. Wird vielleicht genau das bezweckt?

Der gesellschaftliche Kampf der Menschen für ihre Rechte, dank dessen gesellschaftlicher Fortschritt überhaupt möglich ist, wird durch die abgedroschene Phrase kastriert, dass "Revolutionen zu nichts Gutem führen". So wird der Kommunismus von den Goebbels unserer Zeit erfolgreich mit dem Faschismus gleichgesetzt; sie haben bereits eine Masse an Plankton gezüchtet, das bereit ist, sich davon zu ernähren. Denn innerhalb einer solchen Logik ist ein Wal ein Fisch. Und alle, die von radikalen Unterschieden zwischen dem einen und dem anderen sprechen, werden sofort beschuldigt, mit zweierlei Maß zu messen.

Mir fielen die Proteste in den wohlhabenden Vierteln der chilenischen Hauptstadt ein, bei denen die Freilassung Pinochets aus der "englischen Gefangenschaft" gefordert wurde und die ich persönlich miterlebt hatte. Die aggressive Menge aus hellhäutigem und weißgesichtigem Gesindel, die die aus den unteren Schichten rekrutierten dunkelhäutigen Ordnungskräfte rassistisch bedrohte, wurde nach Dutzenden Warnungen in entschuldigendem Ton schüchtern und behutsam mit Wasser aus Wasserwerfern besprüht, das wie Mineralwasser aussah. Andere, echte Proteste der Armen in anderen Stadtteilen wurden stets und ohne Umschweife mit schmutzigem Abwasser auseinandergetrieben, dem die findige Polizei noch Natronlauge beigemischt hatte.

Trotz der jahrelangen Beteiligung französischer Regierungen am Krieg gegen Russland und darüber hinaus – jahrhundertelanger Gräueltaten im weltweiten Dschungel des französischen Kolonialismus, dank dessen die zerbrechliche Behaglichkeit von Borrels Paradiesgarten aufgebaut wurde – verstummen in Russland die Klagen über das Schicksal des "weißen, christlichen Frankreichs" nicht. Oder glaubt etwa jemand ernsthaft, dass diese Proteste das Werk von Putins Agenten, des kubanischen Geheimdienstes oder einer Verschwörung islamischer Weisen sind? Oder hat sich die Presse, die durch ihre eigenen Fälschungen den Verstand verloren hat, selbst verirrt und ist im Spiegelbild ihrer eigenen Spiegel ertrunken?

Kolonialismus ist eine Autoimmunerkrankung von Ländern, die ab einem bestimmten Entwicklungsstadium beginnen, sich selbst zu verschlingen.

Ich bedaure nicht das weiße, christliche Frankreich, sondern die großartige französische Kultur, deren Zerstörung nicht von Demonstranten, sondern von der neoliberalen Macht des neoliberalen Projekts der Europäischen Union eingeleitet wurde. Die französischen und europäischen Eliten sind nicht nur Feinde Russlands und der Ukraine, sondern auch ihrer eigenen Völker. Genau wie ihr Geschöpf Selenskij werden sie sich bis zum Schluss an die Macht klammern. Das echte Frankreich – nicht das glamouröse und nicht das touristische – hat sich gegen diejenigen erhoben, die Europa in den Untergang führen, und ich bin überzeugt, dass die Migranten, die die Schaufenster der Boutiquen zertrümmern, größere Patrioten Frankreichs sind als Macron.

Ich stehe auf der Seite derer, die heute auf den Straßen von Paris "Katjuscha", die "Internationale" und die "Marseillaise" singen. Dabei mache ich mir keine Illusionen über die Aussichten dieser Proteste, obwohl ich mir einmal mehr sehr wünschen würde, mich zu irren.

Die Doppelmoral liegt gerade in etwas anderem – im Vergleich von Dingen, die nicht vergleichbar sind.

Übersetzt aus dem Russischen.

Oleg Jassinski ist ein aus der Ukraine stammender Journalist und Lateinamerika-Experte. Er schreibt für RT Español sowie unabhängige lateinamerikanische Medien wie Pressenza.com und Desinformemonos.org. Man kann ihm auch auf seinem Telegram-Kanal folgen.

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