Meinung

Die weltweite Treibstoffkrise hat erst begonnen

Der Ölmarkt ist kein Markt im klassischen Sinne mehr. Er ist ein Schlachtfeld, auf dem der Preis nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, sondern durch die Fähigkeit eines bestimmten Käufers, einen bestimmten Verkäufer zu erreichen.
Die weltweite Treibstoffkrise hat erst begonnen© Urheberrechtlich geschützt

Von Gleb Prostakow

Die Lage im Nahen Osten destabilisiert weiterhin die Kraftstoffmärkte weltweit. Die Preise sind erneut auf über 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen. In den USA hat Diesel ein Rekordhoch erreicht – ein Niveau, das zuvor nur in Dystopien wie "I Am Legend" vorkam, woraufhin, wie wir uns erinnern, das Ende der Welt eintrat. Der US-Bankenkonzern JP Morgan war angesichts der zu großen Unsicherheit nicht in der Lage, ein Basisszenario für die Entwicklung der Ölmärkte zu formulieren. Und die größten Abnehmer russischen Erdöls rätseln, gegen wen US-Präsident Donald Trump die neuen "höllischen Sanktionen" verhängen wird.

Die "große Kraftstoffkrise", wie sie vom Wall Street Journal bezeichnet wurde, sieht jedoch für jeden anders aus. Und in gewisser Hinsicht ist sie das genaue Gegenteil der Krise von 1973, als das Embargo für Öllieferungen aus dem Nahen Osten in die USA einen Kraftstoffkollaps in den Vereinigten Staaten auslöste.

Seitdem hat sich die Lage drastisch verkompliziert. Die USA sind selbst zum weltweit größten Öl- und Gasproduzenten geworden, haben jedoch den Spitzenplatz beim Verbrauch an China abgegeben. Auf dem Weltmarkt ist ein Erdölüberschuss entstanden, und die OPEC – ehemals wichtigster Regulierer und Preisstabilisator für Erdöl – kann die Notierungen nicht mehr steuern. Es gibt zu viele vom Kartell unabhängige Ölförderländer, darunter Brasilien und Aserbaidschan. Außerdem haben militärische Konflikte sowie Sanktionen die Logistik bis zum Äußersten erschwert, sodass langfristige Prognosen sinnlos geworden sind.

Der entscheidende Kampf dreht sich derzeit nicht um Produktions- und Verbrauchsvolumina, sondern um die gewaltsame Eroberung von Absatzmärkten und die Verdrängung von Konkurrenten aus diesen Märkten. Die Strategie des kollektiven Westens, Russland von den weltweiten Energiemärkten zu verdrängen – beispielsweise bei den Gaslieferungen in die EU –, war seit 2014 und insbesondere nach 2022 durchaus erfolgreich. Heute sieht die Lage anders aus. Russland hat sich an die Sanktionen angepasst, nutzt eine "Schattenflotte", baut kontinentale Gas- und Ölpipelines in Richtung asiatischer Abnehmer und erschließt die Nordostpassage.

Der Krieg in Iran und die militärischen Erfolge der Huthi an der Küste des Roten Meeres haben erhebliche Mengen an Erdöl aus dem Nahen Osten vom Markt verdrängt. Doch auch hier ist die Lage nicht eindeutig.

Für Saudi-Arabien, Katar und Bahrain, die westlich der Straße von Hormus liegen, sieht es schlecht aus. Katar ist gezwungen, LNG aus den USA zu beziehen, allein um seinen Ruf als zuverlässiger Lieferant aufrechtzuerhalten. Die Saudis haben ihre Ölfördermengen fast halbiert und die Lieferungen an eine Reihe europäischer Raffinerien bereits eingestellt. Für die Vereinigten Arabischen Emirate hingegen, die über den Hafen Fudschaira südlich von Hormus verfügen, ist die Lage weitaus weniger düster. Zudem hat Abu Dhabi einen recht guten Dialog mit Moskau aufgebaut und strebt sogar an, als Schauplatz für die Fortsetzung der Friedensverhandlungen zur Ukraine zu dienen. Was angesichts der militärisch-technischen Zusammenarbeit zwischen Russland und Iran gewisse Vorteile für die Vereinigten Arabischen Emirate mit sich bringt.

Laut Sultan Ahmed al-Jaber, dem Chef der nationalen Öl- und Gasgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, "fließt nach wie vor ein zu großer Teil der weltweiten Energieträger durch zu wenige Engpässe". Bezeichnenderweise haben die Emirate selbst auf dem Höhepunkt der Krise ihre Investitionen in Umleitungsrouten nicht reduziert, sondern erhöht, da sie zu Recht davon ausgehen, dass die Infrastruktur derzeit wichtiger ist als das Fördervolumen.

Trotz steigender Kraftstoffpreise auf dem US-Binnenmarkt sind die US-amerikanischen Energieunternehmen keineswegs die Verlierer. Sie springen gerne in die Lücke, die durch den Ausfall von Öl aus dem Nahen Osten entstanden ist, legen Preise und Mengen in langfristigen Verträgen fest, und die hohen Notierungen ermöglichen es ihnen, Schieferöl zu fördern, dessen Gewinnung relativ kostspielig ist. Die US-amerikanischen Produzenten haben das erhalten, wovon sie nicht einmal zu träumen gewagt hätten: einen garantierten Absatzmarkt, die Unterstützung der US-Regierung und einen durch geopolitische Risiken bedingten Preisaufschlag.

Was bedeutet das für den Rest der Welt? Vor allem, dass die "physische Verknappung" von Erdöl keine Abstraktion ist, sondern Realität für diejenigen, die über keine alternativen Transportwege und keine eigene Flotte verfügen. Europa, das laut einem Bericht des Fonds Roskongress 95 Prozent seines Rohöls im Ausland bezieht, erweist sich in diesem Zusammenhang als das anfälligste Glied.

Deutschland mit seinen 110 Millionen Barrel strategischer Reserve und Frankreich mit seinen 120 Millionen Barrel können sich einige Monate lang über Wasser halten, aber nicht länger. Asiatische Verbraucher, darunter Japan und Indien, balancieren zwischen Preisnachlässen auf russisches Erdöl und den Risiken einer Unterbrechung der Lieferungen aus der Golfregion. China, der weltweit größte Ölimporteur, ist gezwungen, zwischen nahöstlichen Lieferanten und russischen Liefermengen zu lavieren, seine strategischen Reserven aufzustocken und die Transportwege über Pakistan und Myanmar zu diversifizieren.

Der Ölmarkt ist kein Markt im klassischen Sinne mehr. Er ist ein Schlachtfeld, auf dem der Preis nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, sondern durch die Fähigkeit oder Unfähigkeit eines bestimmten Käufers, einen bestimmten Verkäufer zu erreichen. Die OPEC ist erheblich geschwächt, langfristige Verträge werden spontan neu verhandelt, und die Prognosen der weltweit führenden Investmenthäuser weichen aktuellen Berichten direkt vom Geschehen sowie der Analyse der widersprüchlichen Rhetorik Trumps. Tanker mit ausgeschalteten Transpondern, Umschlaghäfen in neutralen Gewässern, Risikorabatte und Sicherheitsprämien – das ist die neue Normalität. Die große Kraftstoffkrise fängt gerade erst an, und die wichtigste Frage ist nicht, wie viel ein Barrel kosten wird, sondern wer ihn physisch erhalten kann.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 22. September 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Gleb Prostakow ist ein russischer Wirtschaftsanalyst.

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