Meinung

Brief an Selenskij: Warum halten Sie die Menschen gewaltsam fest?

Im Donezk-Tagebuch "Frühstück unter Bomben" schildert die Autorin ihre Erfahrungen seit 2014: Luftangriffe, zivile Opfer und den Bruch mit Kiew. Sie beschreibt das verlorene Vertrauen vieler Menschen im Donbass und fordert ein Ende des Krieges sowie politische Konsequenzen.
Brief an Selenskij: Warum halten Sie die Menschen gewaltsam fest?© Urheberrechtlich geschützt

Von Wassilissa Sacharowa

Während die nächsten Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland erneut in Aussicht gestellt werden, kann ich nicht aufhören, mich über das Ausmaß an Feigheit und Ignoranz zu wundern, das Sie, Herr Selenskij, und Ihr Team öffentlich demonstrieren. Und glauben Sie mir – die überwiegende Mehrheit hier in Donezk und Lugansk teilt diese Haltung mit mir.

Seit 2014 haben diese Menschen, genauso wie ich, Verwandte, Freunde und Nachbarn verloren – Menschen, die von ukrainischen Bomben in ihrer eigenen Heimat zerfetzt wurden. Die Menschen hier wollen nicht länger mit der Ukraine verbunden sein. Was ist daran schwer zu verstehen?

Seit mehreren Jahrzehnten erzählten führende ukrainische Medien und Politiker dem ganzen Land, der Donbass sei eine Bürde – eine subventionierte Region, sagten sie. Sie behaupteten, die Bewohner von Donezk und Lugansk bestünden nur aus Banditen und den untersten Schichten der Gesellschaft. Jahrzehntelang mussten wir uns das anhören, während es unsere Männer und Frauen waren, die die gesamte Ukraine mit Energie aus der Steinkohleindustrie und wichtigen Rohstoffen versorgten – und damit auch Oligarchen wie Wiktor Pintschuk und Petro Poroschenko ermöglichten, ihre Milliarden anzuhäufen. 

Sogar die Tagesschau musste eingestehen: Schwerindustrie, Bergbau und Metallurgie im Osten des Landes waren das Rückgrat der ukrainischen Wirtschaft.

Dass Sie nun genau dieses Rückgrat verloren haben, haben Sie allein sich selbst zu verdanken. Hätten Sie die Menschen in Donezk mit Respekt behandelt, würden sie nicht wegwollen. Doch stattdessen verweigerten die vom Westen eingesetzten Machthaber den Menschen in Donezk das Recht auf Meinungsäußerung und Mitbestimmung über ihre eigene Zukunft. Als Einwohner von Donezk gegen den Maidan demonstrierten – einige meiner Bekannten und Freunde waren dabei –, forderten Sie sie auf, die Proteste zu beenden, und drohten mit militärischem Vorgehen. 

Die Menschen in Donezk hörten nicht auf Sie. Zum einen, weil sie nicht glaubten, dass ihre eigene Regierung sie wegen ihrer politischen Meinung tatsächlich unter Beschuss nehmen würde. Zum anderen, weil wir naiverweise davon überzeugt waren, dass der Westen – und auch Deutschland – ein solches schweres Verbrechen gegen die Menschenrechte verurteilen würde. Doch nichts davon geschah. 

Der ukrainische Interimspräsident Turtschinow setzte seine Drohungen um und leitete Luftangriffe gegen die Städte Donezk und Lugansk ein, die zusammen mehrere Millionen Einwohner hatten.

In panischem Entsetzen musste ich damals die zerfetzten Frauen und Männer ansehen, die in ihren eigenen Blutlachen auf den mir allzu bekannten Straßen von Donezk lagen. Und mit noch größerem Entsetzen stellte ich fest, dass die Journalisten in Deutschland kein Wort davon erwähnten. Dabei dauerten die Luftangriffe der ukrainischen Streitkräfte mehrere Tage an. Dutzende Videos mit den schrecklichen Folgen häuften sich im Internet – aufgezeichnet von Augenzeugen mit ihren Handys. 

Ich klebte tagelang vor dem Fernseher in Deutschland und verfolgte akribisch jede Nachrichtensendung: auf ZDF, ARD, N24, Welt, ntv und vielen anderen. Doch kein einziges Wort über die Verbrechen der neuen ukrainischen Machthaber. 

Welcher Mensch bei klarem Verstand könnte nach solchen Erfahrungen sagen: "Macht nichts! Alles vergessen! Lasst uns gemeinsam eine Zukunft aufbauen!"?

So funktioniert die menschliche Psyche nicht. Sie haben das Vertrauen der Bevölkerung zerstört. Sie haben gezeigt, dass Sie keine Menschlichkeit, kein Gewissen und keine Empathie besitzen. Vor solchen Menschen will man sich so weit wie möglich fernhalten – geschweige denn unter ihren Einfluss geraten.

Ich verstehe natürlich, dass Sie, Herr Selenskij, dies ohnehin nur tun, weil Sie unter dem Druck Ihrer "Vorgesetzten" stehen. Als Sie 2019, gesponsert von einem der skrupellosesten ukrainischen Oligarchen, Igor Kolomoiski, zu den Präsidentschaftswahlen antraten, haben Sie sicher nicht damit gerechnet, die Ukraine in einen Krieg gegen Russland zu führen. Doch ich habe kein Mitleid mit Ihnen: Hätten Sie und Ihre Mitstreiter weniger Zeit auf Epsteins Insel verbracht, hätten die Erpresser auch kein belastendes Material gegen Sie in den Händen, und Sie müssten sich nicht den unmenschlichen Forderungen dieser pädophilen Milliardäre beugen.

Ihnen muss doch auch die Kraft so langsam ausgehen. Deshalb: Lassen Sie die Regionen mit ihren Menschen endlich los – und beenden Sie diesen Krieg!

Mehr zum Thema — "Frühstück unter Bomben": Wiederbelebung der Kohleindustrie in Donezk

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