
Cyberangriffe auf Kühlsysteme – auch deutsche Supermärkte betroffen
In einigen europäischen Ländern sollen Hacker in der Nacht zum Montag den Abtaumodus von Kühlsystemen in Supermärkten aus der Ferne aktiviert haben. Teilweise sollen die Systeme so manipuliert worden sein, dass die Kühlschränke sich erhitzten, anstatt zu kühlen. Infolgedessen seien betroffene Einzelhändler gezwungen worden, frische und tiefgekühlte Waren zu entsorgen. Berichten zufolge hatten die Temperaturen in einigen Gefrierschränken bis zum Montagmorgen rund 50 °C erreicht.
Wie der Bayerische Rundfunk am Dienstag veröffentlichte, sei auch eine Edeka-Filiale im niederbayerischen Reisbach betroffen. Demnach seien bei dem Hackerangriff die Kühlanlagen in der Nacht zum Montag dort ebenfalls auf "50 Grad heizen" umgestellt worden. Aus Nordrhein-Westfalen wurden ebenfalls Fälle berichtet. Laut der Süddeutschen Zeitung sei ein Supermarkt in Wetter-Volmarstein angegriffen worden. Neben den Kühlregalen im Geschäft seien dort auch die Kühlanlagen im Lagerbereich angegriffen worden.

Entsprechende Schadensmeldungen habe es mittlerweile auch aus Supermärkten in Wuppertal und im Münsterland gegeben. Infolgedessen wurden in allen betroffenen Märkten große Mengen an Lebensmitteln weggeworfen. Eine Schadenssumme habe man noch nicht ermittelt. Doch allein in der bayerischen Edeka-Filiale seien nach Angaben des Betreibers am Montag Unmengen an Lebensmitteln entsorgt worden.
Im Oktober hatten Cyberangriffe bereits die Kühlanlagen in rund 700 französischen Supermärkten lahmgelegt, darunter Filialen von Intermarché, Coopérative U und Carrefour. Daraufhin waren die Händler gezwungen, große Mengen ihrer Ware zu entsorgen. Die Angreifer hatten offenbar die Abtaumechanismen aus der Ferne so manipuliert, dass Kühl- und Gefriergeräte überhitzten. Bislang hat keine Gruppe öffentlich die Verantwortung dafür übernommen.
Der aktuelle Angriff begann von Sonntag auf Montag gegen Mitternacht, zitierte die belgische Nachrichtenagentur Belga den Vorstandschef des Kühlanlageninstallateurs Sabcobel, Stephan Moelans. RTL Belgium berichtete, von einem mutmaßlichen Cyberangriff seien mehrere Dutzend Filialen in Belgien betroffen gewesen, darunter rund 40 Delhaize-Filialen sowie jeweils 15 Filialen von Carrefour und Intermarché.
Auch die belgische Metzgerkette De Laet & Van Haver und der Betreiber der Sparmärkte, die Colruyt-Gruppe, berichteten von Problemen mit ihren Kühlanlagen. Ein Sprecher des Centre for Cybersecurity Belgium erklärte gegenüber Politico, die Behörde verfolge den Vorfall "genau". Der niederländische Sender NOS berichtete, dass auch Delhaize-Filialen in Luxemburg von dem mutmaßlichen Cyberangriff betroffen waren.
In Irland teilte der Lebensmittelgroßhändler Musgrave mit, ein Cybervorfall habe die Kühlanlagen in 13 SuperValu-Filialen beeinträchtigt. Nach Angaben des schwedischen Senders SVT waren über Nacht Kühl- und Gefrierschränke in mehreren ICA- und Coop-Supermärkten betroffen. Ein ICA-Sprecher erklärte gegenüber SVT, die Geräte in den am stärksten betroffenen Filialen seien mit Netzwerken verbunden, die außerhalb des zentralen Systems des Unternehmens lagen. Coop meldete in sechs Filialen ähnliche Probleme.
Auch Estland war betroffen: Ein Selver-Supermarkt meldete ein Problem mit seiner Kühlanlage. Der öffentlich-rechtliche Sender ERR berichtete, dass die Temperatur eines Tiefkühlschranks auf 50 °C angestiegen war. Dort habe man das Problem jedoch innerhalb weniger Minuten behoben, sodass es keine nennenswerten Produktverluste gegeben habe.
Sabotage als mutmaßliche Ursache
Da keine finanziellen Forderungen gestellt worden seien, gingen Experten von Sabotage aus. Dazu zitierte der BR den Analysten beim Cybersicherheitsunternehmen SentinelOne, Tom Hegel. Dieser erklärte: "Der Einzelhandel ist ein leichtes Ziel, weil Handelsketten eine Vielzahl von Kühlreglern, Gebäudemanagementsystemen, Zugangskontrollen und Kassensystemen betreiben". Jede Störung im Lebensmittelhandel habe "schnell schmerzhafte, öffentlich sichtbare Folgen," gab der Sender die Aussage des Analysten wieder.
Inzwischen äußerte sich auch EU-Agrarkommissar Christophe Hansen. Er sprach von einem "bewussten Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben". Die Cyberangriffe seien "zutiefst besorgniserregend" und würden "sehr ernst" genommen. Die Lebensmittelsicherheit in Europa sei ihm zufolge aber derzeit nicht gefährdet.
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