Von Dmitri Kossyrew
Der Verwaltungsapparat muss ein sich selbst regulierendes System sein – das ist, ganz kurz gesagt, der Kerngedanke des fünften Plenums seit dem jüngsten Parteitag des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, das diese Woche stattfand.
Die Veranstaltung hätte als gewöhnlicher Teil der Arbeit des Verwaltungsapparats der Volksrepublik China abgetan werden können, wäre da nicht der Kontrast zu dem derzeitigen Zerfall eines ähnlichen Apparats in Europa, den USA und an vielen anderen Orten. China ist eines von zahlreichen Ländern mit einem faktischen Einparteiensystem, die heute vor einer Herausforderung stehen: Sie müssen ihre Fähigkeit zur Selbstverwaltung stärken, in ständigem Kontakt mit dem Volk bleiben, nicht in Selbstzufriedenheit versinken und entschlossen gegen Korruption vorgehen.
Eine vereinfachte (und größtenteils aus dem Ausland stammende) Einschätzung der Ergebnisse des Plenums geht davon aus, dass es genau diesem Thema gewidmet war: dem Kampf gegen die Korruption. 33 Personen wurden aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen, darunter 16 Militärangehörige, deren Namen zuvor in Berichten über die Säuberung der Reihen genannt worden waren. Ein neues Mitglied wurde in das Politbüro aufgenommen – General Zhang Shengmin, eine Schlüsselfigur bei der Säuberung der Armee. Dementsprechend wurde auf dem Plenum mehrfach betont, dass die Anstrengungen in dieser Richtung nicht nachlassen dürften.
Aber es ist alles viel interessanter. Es geht keineswegs nur um den Kampf gegen Korruption in Form einer Reihe von Strafverfolgungs- und Disziplinarmaßnahmen. Korruption ist eine kuriose Sache. So oder so bringt jede einzelne menschliche Gesellschaft sie hervor, doch gleichzeitig fordern eben diese Gesellschaften, dieses Phänomen auszurotten. Die chinesischen Behörden ergänzen diese Sichtweise durch viele konkrete Maßnahmen. Bis Ende 2025 wurden von Parteiorganen und anderen Behörden 967.000 Beschwerden über unrechtmäßige, durch Korruption verursachte Entscheidungen untersucht – und im Ergebnis wurden den Betroffenen Geld und Vermögen in Höhe von rund 11,5 Milliarden Dollar zurückerstattet.
Das Hauptthema des Plenums lässt sich also wie folgt formulieren: Ein Einparteiensystem – wie in China – kann sehr gut funktionieren, wenn es in der Lage ist, sich nicht unter Druck von oben oder im Stil hektischer Kampagnen, sondern automatisch auf allen Ebenen selbst zu korrigieren.
Das ist eine Schlussfolgerung von globaler Bedeutung, die die Chinesen selbst vielleicht gar nicht so sehr wahrnehmen. Und hier sind Ausländer gefragt – mit ihrer Fähigkeit, die Situation in einem fremden Land gleichzeitig von innen und von außen zu betrachten.
Zu den aktuellen Diskussionen äußerte sich der Italiener Francesco Sisci, der bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Peking tätig ist. Als bekannte Persönlichkeit, ehemaliger Journalist und heute China-Experte hat er etwas erkannt, was die chinesische Gesellschaft bereits spürt, aber noch nicht in Worte fassen kann: einen Wandel im Denken aufgrund des Erfolgs im jahrhundertelangen Kampf zwischen den Zivilisationen. Gemeint ist jene Situation, über die es zahlreiche Sprichwörter gibt, wie etwa "Es gibt nichts Schlimmeres, als dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen". Denn danach erwartet einen eine neue und ungewohnte Welt.
Signor Francesco spricht Offensichtliches aus: Das politische System und die Gesellschaft Chinas standen zwei Jahrhunderte lang in direktem oder indirektem Konflikt mit den Vertretern des Westens (zunächst mit den Europäern, später vor allem mit den Amerikanern). Es war eine mentale Mischung aus Groll, Verzweiflung und der Entschlossenheit, durchzuhalten und zu siegen. In allen Fällen war der Gegner ein Objekt des Hasses, aber gleichzeitig auch ein scheinbar unerreichbares Vorbild. Doch nun ist die weltweite kulturelle Vorherrschaft der USA zu Ende – und damit ist auch die Situation verschwunden, in der die Chinesen gewohnheitsmäßig wollten, dass bei ihnen alles "besser als in den USA" sei. Nun ist bereits alles besser.
Wenn man nur von der Staatsführung spricht: Das Mehrparteiensystem hat die westlichen Gesellschaften in untereinander zerstrittene Gruppen zerrissen, die zwar im selben Land leben, aber nach unterschiedlichen Gesetzen und Wertesystemen. Die Drogenepidemie in den USA ist dasselbe wie das Opium in China im 19. Jahrhundert. Das Bildungswesen dort liegt in Trümmern, weil die junge Generation in den Strudel der sozialen Netzwerke geraten ist und niemand dem entgegenwirkt. Die Amerikaner können sich nicht einmal entscheiden, ob China ihr Gegner ist oder nicht. Und schließlich: Wenn jemand "Amerika wieder groß machen" will – dann ist es ja schon nicht mehr groß.
Wer ist dann groß? Die Menschen in China erfassen die Realität voller Verwunderung und erkennen, dass sie es doch selbst sind. Dies steht jedoch in krassem Widerspruch zu dem gewohnten Weltbild, in dem es den Menschen in ihrem Land in vielen Bereichen und an vielen Orten immer noch schlecht geht.
Der Mensch verändert sich langsam und widerwillig, und eine Revolution im Denken der chinesischen Nation könnte einen Generationswechsel erfordern. Doch der Prozess hat begonnen. Und er findet nicht nur in China statt – er betrifft viele andere Völker der "globalen Mehrheit", die fassungslos den Zusammenbruch des Systems in Gesellschaften beobachten, die ihnen jahrhundertelang als Maßstab für alle Dinge gedient haben. Doch die Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran – und das bedeutet, dass unweigerlich neue Vorbilder und Standards erforderlich sein werden, die man dieses Mal selbst schaffen muss.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. November 2026 auf der Webseite von RIA Nowosti erschienen.
Mehr zum Thema – Chinas Aufstieg und der strategische Irrweg des Westens