Nach dem Anschlag in Berlin: Die große Empörung der Heuchler, Taktiker und Nutznießer

Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf die Berliner CSD-Parade instrumentalisieren Politiker und Medien die Opfer rege nach ihrer jeweiligen Fasson. Die wichtigsten Fragen bleiben offen: Wieder ein staatlich rundum überwachter Angreifer, wieder von der Polizei erschossen, wieder kurz vor Wahlen.

Von Alexandra Nollok

Der blutige Anschlag auf die CSD-Parade am Samstag im Berliner Tiergarten füllt noch immer die Schlagzeilen. Es geht vor allem um Migrations- und Islamkritik, um Forderungen nach mehr Abschiebungen, Ausbürgerungen und härterer Staatsgewalt bis hin zu Fußfesseln und (längerer) Präventivhaft für mutmaßliche Gefährder. Letzteres kam vom CSU-Hardliner und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt – demselben, der gerade die Rechtsberatung für homosexuelle Flüchtlinge abschaffen will und letztes Jahr ein Sonderregister für "queere" Menschen verlangte.

Worum es hingegen kaum geht, sind die Opfer: eine getötete Frau, 29 teils schwer verletzte Teilnehmer des Berliner Christopher Street Day. Und wenn doch, erscheinen die Opfer fast immer instrumentalisiert: für angebliche "westliche Werte", die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" oder gar die "deutsche Kultur" – dies zuweilen von einer Seite, die Homosexuelle am liebsten in Umerziehungslager stecken würde. Die Ungereimtheiten, die man in ähnlicher Ausprägung bereits von anderen Fällen kennt, hinterfragt keiner.

Todesschüsse statt Wahrheit

Ein Rätsel drängt sich besonders auf: Warum hat das Sondereinsatzkommando der Polizei, bewaffnet bis an die Zähne und in voller Montur, den Tatverdächtigen Abdul B. erschossen und sich so des wichtigsten Zeugen entledigt? Weil er mit einem Messer auf sie losgegangen sei? Klar, das ist natürlich kein Spielzeug, sondern eine potenziell tödliche Waffe.

Vor Ort war aber keine überraschte Polizeistreife, sondern eine Truppe der deutschen Elitepolizei, ausgerüstet mit Waffen, Schilden und Schutzkleidung. Die hatte über Stunden die Gartenlaube in Berlin-Spandau observiert, in der sich der 21-jährige Tatverdächtige verschanzt hatte – für ein SEK-Kommando wohl genügend Zeit, den Zugriff recht präzise zu planen.

Dieses eine mutmaßliche Messer in der Hand des Verdächtigen soll also die gesamte taktische Finesse der Eliteeinheit auf die Alternative einer tödlichen Kugelsalve – Zeugen sprachen von sechs bis neun Schüssen – reduziert haben? Ein Schuss ins Bein oder den Arm hätte es nicht getan? B. war ja nicht nur tatverdächtig, sondern auch derjenige, der sich zu seinen Motiven, Kontakten und möglichen Helfern hätte äußern können.

Wieder mal "missglückte" Überwachung?

Darüber wird B. nichts mehr ausplaudern können. Und die Öffentlichkeit bekommt die praktische Kurzfassung vorgesetzt: Messer gezogen, erschossen, erledigt. Dabei stellen sich auch politische Fragen: Der wegen Körperverletzung und Raubes vorbestrafte Tatverdächtige stand nämlich unter Dauerbewachung.

Im Mai dieses Jahres wurde er zu einer 22-monatigen Jugendstrafe verurteilt worden, unter anderem wegen des Vorwurfs der "Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat". Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten sah als erwiesen an, dass B. sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres dem "Islamischen Staat" in Syrien hatte anschließen wollen.

Von November bis Mai saß er deshalb in Untersuchungshaft, kam aber nach dem Urteil trotzdem frei. Denn das Gericht überlegte, die Jugendstrafe zur Bewährung auszusetzen, während die Generalstaatsanwaltschaft Berufung eingelegt und eine längere Haftstrafe gefordert hatte.

Erst Anfang dieses Monats durchsuchte die Polizei die Wohnung des Tatverdächtigen. Laut Staatsanwaltschaft bestand der Verdacht auf Verstoß gegen das Waffengesetz. Angeblich sei dabei nur eine "Spielzeugwaffe" gefunden worden. Kurzum: B. stand im Fokus der deutschen Behörden, ähnlich übrigens wie beispielsweise der Angreifer auf den Berliner Weihnachtsmarkt namens Anis Amri, der Ende 2016, wenige Tage nach der Tat auf der Flucht, ebenfalls erschossen worden war.

Nützlich für die Wahlen?

Und dann ist da noch der Zeitpunkt des Anschlags: In knapp acht Wochen, am 20. September, steht die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an. Am selben Tag soll Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag wählen, Sachsen-Anhalt bereits zwei Wochen zuvor. Und in Niedersachsen stehen am 13. September Kommunalwahlen an.

Ein etwaiger Zusammenhang mit diesen Terminen ist natürlich reine Spekulation. Auffällig ist die zeitliche Nähe dennoch: Amri war seinerzeit etwa neun Monate vor der anstehenden Bundestagswahl 2017 in den Berliner Weihnachtsmarkt gefahren, wobei 13 Menschen getötet und knapp 70 weitere teils schwer verletzt worden waren. Der Täter hatte wie B. unter Beobachtung gestanden. In Magdeburg raste Taleb A. zwei Monate vor der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025 in den dortigen Weihnachtsmarkt, tötete sechs Personen, darunter ein Kind, und verletzte mehr als 300 Menschen. Auch er war den Behörden bekannt.

Dass die Universität Frankfurt am Main erst kürzlich herausgefunden hat, dass Terroranschläge die Wahlergebnisse massiv beeinflussen, ist nun wirklich nicht verwunderlich. Und dass Geheimdienste nicht immer das Wohl der Bevölkerung im Sinn haben, sollte man spätestens seit dem NSU-Komplex auf dem Schirm haben, denn immerhin gilt als erwiesen, dass V-Mann-Führer Andreas Temme bei einem der Morde in einem Internetcafé anwesend war – neben vielen anderen "Missgeschicken".

Man kann auf jeden Fall am Interesse des deutschen Staates zweifeln, bestimmte Verbrechen aufzuklären – vielleicht nur, um eigenes Fehlverhalten zu verschleiern, möglicherweise sogar, weil sie ihm zeitlich und politisch gerade gelegen kommen. Die Verwaltung eines Herrschaftssystems ist nun mal kein Job für sanftmütige Menschenrechtsfreunde, vor allem dann nicht, wenn man gerade neoliberalen Kahlschlag gegen die Interessen von 90 Prozent der Bevölkerung durchboxt.

Alle Politiker, die den deutschen Kapitalstandort gerade verwalten oder danach streben, hätten besser einfach geschwiegen zu diesem neuen Anschlag. Ihnen geht es nicht um die Opfer, nicht um Aufklärung, nicht um Deutschland (wovon die allermeisten Einwohner sowieso nichts besitzen), auch nicht um Rechte für irgendwen und schon gar nicht um die Sicherheit irgendwelcher Minderheiten.

Ich hätte da mal ein paar Fragen:

Also, das SEK erschießt den CSD-Tatverdächtigen bei der Festnahme in letzter Not ...

Stundenlange Observation, massive Übermacht, volle Ausrüstung – und am Ende trotzdem ein toter Verdächtiger? Ist das der neue Status quo deutscher Spezialeinheiten? Ein Spezialeinsatzkommando observiert über Stunden eine Gartenlaube in Berlin-Spandau, plant den Zugriff, bestimmt Zeitpunkt und Vorgehen und rückt schließlich mit jener personellen und technischen Überlegenheit an, die für besonders gefährliche Lagen vorgesehen ist.

Dann soll der 21-jährige B. mit seinem scharfen Messer auf die Einsatzkräfte losgegangen sein, woraufhin Schüsse fallen und der wichtigste Tatverdächtige stirbt. Und da soll man ernsthaft keine Fragen stellen?

Natürlich ist ein Messer kein Spielzeug, und natürlich kann ein Angreifer damit binnen Sekunden töten. Aber wir sprechen hier eben auch nicht von zwei überraschten Streifenbeamten in einem dunklen Hausflur, sondern von gut ausgebildeten, schwer geschützten und zahlenmäßig überlegenen Spezialkräften, die sich stundenlang auf genau diesen Zugriff vorbereiten konnten.

Und dann soll dieses eine Messer die gesamte taktische Kunst deutscher Elitepolizei augenblicklich auf die schlichte Alternative reduziert haben: entweder wir oder er? Schilde, Distanz, Blendmittel, Zugriffsteams, Schutzkleidung, präzise Planung – offenbar alles eindrucksvolles Zubehör, solange kein 21-Jähriger mit einem Messer auftaucht. Dann wird aus der Spezialeinheit binnen Sekunden eine Gruppe, der angeblich nur noch der tödliche Schuss bleibt.

Vielleicht war es ja tatsächlich so. Vielleicht war die Gefahr unmittelbar, die Entfernung gering und jede andere Reaktion zu langsam. Nur müsste genau das lückenlos belegt werden, statt der Öffentlichkeit die praktische Kurzfassung "Messer gezogen, geschossen, erledigt" vorzusetzen.

Denn mit B. starb nicht nur ein Tatverdächtiger, sondern auch derjenige, der zu Motiven, Kontakten, möglichen Helfern, behördlichen Erkenntnissen und übersehenen Warnzeichen hätte ausplaudern können.

Und dann drängt sich jene ausdrücklich unbelegte Verschwörungstheorie auf, die man eigentlich gar nicht denken möchte: War ein toter Verdächtiger am Ende womöglich bequemer als ein lebender, der hätte erzählen können, was Behörden wussten, was sie übersahen und wer politisch unangenehme Fragen hätte beantworten müssen?

Dafür gibt es natürlich keinen Beleg. Aber wer solche Spekulationen aus der Welt schaffen will, muss mehr liefern als Floskeln.

Wie groß war die Entfernung? Wie viele Schüsse fielen? Welche nicht tödlichen Mittel standen bereit? Gab es Aufnahmen? Und weshalb konnte ein stundenlang vorbereiteter SEK-Zugriff nur mit dem Tod des Gesuchten enden? Ist das wirklich der Status quo?

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