Bundesbank warnt vor Gaspreisschock im Winter

Europas Energiemarkt startet mit einem dünnen Sicherheitspolster in die Heizsaison. Deutschlands Gasspeicher sind nur zu rund 59 Prozent gefüllt. Bundesbank-Chef Joachim Nagel befürchtet deshalb einen neuen Preisschub, falls die Nachfrage im Winter anzieht. Die Inflation liegt bereits bei 3,8 Prozent.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sieht für die Inflation im Euroraum derzeit mehr Aufwärts- als Abwärtsrisiken. Vor allem die niedrigen Gasvorräte könnten sich im Winter als Belastungsfaktor erweisen.

"Die Gaspreise sind besonders anfällig, weil die Speicherstände niedrig sind", sagte Nagel am Montag an einer Edelmetallkonferenz in Sorrent.

Die Inflation im Euroraum liegt inzwischen bei 3,8 Prozent und damit deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent. Nagel sieht zwar noch keine klaren Anzeichen dafür, dass der jüngste Preisdruck auf die Lohn- und Preisbildung übergreift. Auch die längerfristigen Inflationserwartungen bewegen sich weiterhin nahe dem EZB-Ziel. Das Risiko einer erneuten Beschleunigung ist aus seiner Sicht jedoch gestiegen.

Wenig Puffer bei Gas

Besonders kritisch ist die Ausgangslage beim Gas. Deutschlands Speicher waren Anfang Oktober nur zu rund 59 Prozent gefüllt. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt etwa 76 Prozent, im Oktober 2024 rund 96 Prozent. Damit geht Europas größte Volkswirtschaft mit einem deutlich kleineren Vorratspolster in die Heizsaison.

Die niedrigen Bestände sind vor allem eine Folge der schwierigen Marktbedingungen während der Einspeichersaison. Der Krieg mit Iran und die Störungen rund um die Straße von Hormus ließen die europäischen Gaspreise kräftig steigen. Gleichzeitig war der Preisunterschied zwischen Sommer- und Winterkontrakten teilweise zu gering, um zusätzliche Einlagerungen wirtschaftlich attraktiv zu machen.

Das Problem liegt weniger in einer unmittelbar drohenden Versorgungslücke als in der Preisbildung. Bei einem kalten Winter könnte Europa gezwungen sein, zusätzliche LNG-Ladungen auf dem Weltmarkt zu beschaffen. Treffen dann eine hohe Nachfrage und ein begrenztes Angebot aufeinander, steigen die Beschaffungskosten.

Nagel hält sich bei den geldpolitischen Aussichten alle Optionen offen. Marktpreise, auf die sich Reuters beruft, signalisierten zuletzt eine Wahrscheinlichkeit von rund 20 Prozent für eine Zinserhöhung im Oktober und von etwa 80 Prozent für einen Schritt im Dezember. Der Einlagensatz liegt nach zwei Erhöhungen im Sommer inzwischen bei 2,5 Prozent.

Der Bundesbank-Präsident wollte sich diesen Markterwartungen nicht anschließen. Die EZB müsse flexibel bleiben und ihre Entscheidungen von den jeweils verfügbaren Daten abhängig machen.

Neben Gas sieht Nagel weitere potenzielle Preistreiber. Beschädigte Raffineriekapazitäten könnten raffinierte Ölprodukte verteuern. Dürren, Waldbrände und Engpässe bei Düngemitteln könnten den Preisdruck bei Lebensmitteln erhöhen.

Für Deutschland bedeutet der niedrige Speicherstand damit nicht automatisch eine Gaskrise. Die Importstruktur ist heute breiter als 2022. LNG-Terminals, norwegisches Pipelinegas sowie Lieferverträge mit Algerien und Aserbaidschan reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen.

Das größere Risiko liegt bei einem ungünstigen Winter im europäischen Preisgefüge. Ein Kälteeinbruch oder ein zusätzlicher Importausfall könnte die Nachfrage nach LNG sprunghaft erhöhen. Steigende Gaspreise würden wiederum über Strom, Industrie und Transport auf die Verbraucherpreise durchschlagen.

Für die EZB wäre das eine unangenehme Ausgangslage. Die Inflation liegt bereits deutlich über dem Ziel, während die Konjunktur auf höhere Finanzierungskosten reagieren muss. Ein erneuter Energieschub würde den Spielraum für Zinssenkungen weiter beschränken.

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