5.09.2026 12:40 Uhr
Ulrich Siegmunds Schattenkabinett
Noch ist es überhaupt nicht sicher, ob es zu einer AfD-Regierung kommt. Aber angesichts der hohen Umfragewerte ist davon auszugehen, dass man sich in der sachsen-anhaltischen AfD schon Gedanken über die Verteilung der Ministerposten gemacht hat. Im Spiegel-Interview hatte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund geäußert, er habe sein künftiges Kabinett bereits zu 95 Prozent im Kopf. Namen gab er allerdings nicht preis.
Diese will das Magazin Focus allerdings aus AfD-Kreisen erfahren haben. Patrick Harr, derzeit Pressesprecher der AfD-Fraktion im Landtag, soll demnach Leiter der Staatskanzlei werden, der derzeitige bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion Hans-Thomas Tillschneider dagegen Fraktionschef.
Für den Bundestagsabgeordneten Martin Reichardt ist den Focus-Informationen zufolge das Gesundheitsministerium vorgesehen. Im Bundestag hatte sich Reichardt als scharfer Kritiker der Corona-Politik unter der Regierung Merkel einen Namen gemacht.
Für den Posten des Innenministers soll es gleich zwei Kandidaten geben: zum einen den langjährigen Landtagsabgeordneten Matthias Büttner, zum anderen den früheren Berliner Finanzsenator Peter Kurth. Kurth ist mittlerweile aus der CDU ausgetreten. Ein anderes früheres CDU-Mitglied, der einstige Präsident des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen, ist dem Vernehmen nach als Kandidat für das Amt des Innenministers nicht mehr im Rennen.
Als Kandidaten für das Amt des Justizministers werden der Roßlauer Ortsvorsteher Laurens Nothdurft sowie der Landtagsabgeordnete Peter Hecht genannt. Beide sind Juristen. Der derzeitige AfD-Fraktionsvorsitzende im sachsen-anhaltischen Landtag, Oliver Kirchner, könnte Wirtschaftsminister werden.
Manche der genannten Personalien wären für eine künftige AfD-Regierung nicht ganz unproblematisch. Während bei Martin Reichardt unklar ist, ob der auf einem Partyfoto ausgestreckte linke Arm überhaupt einen Hitlergruß darstellt, soll Laurens Nothdurft Presseberichten zufolge einst Kader der mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) gewesen sein. Gleiches wird Patrick Harr nachgesagt.
Die Rolle der Großkirchen im Wahlkampf
Die evangelische und katholische Kirche in Sachsen-Anhalt kann man getrost als Bestandteil des Wahlkampfs betrachten, positionieren sie sich doch deutlich gegen eine mögliche AfD‑Regierung. Das Tischtuch zwischen der Amtskirche und der AfD ist gerade in diesem Bundesland seit Langem zerschnitten.
Das katholische Bistum Magdeburg ist etwa Träger der Kampagne "Bewusst wählen!", das evangelische Gegenstück lautet "Herz statt Hetze" und stammt von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM). Diese vertritt den Großteil der evangelischen Christen Sachsen-Anhalts. Allerdings gehören in diesem Bundesland mittlerweile weniger als 14 Prozent der Einwohner einer der beiden Großkirchen an.
Diese hätten von einer AfD-Regierung erhebliche finanzielle Einbußen zu befürchten. Denn in deren Wahlprogramm ist von einer grundlegenden Reform der Staatsleistungen die Rede, die der Staat seit der Enteignung von Kirchengütern im frühen 19. Jahrhundert zu zahlen verpflichtet ist. Gegen die Evangelische Akademie erhebt die AfD den Vorwurf der "politischen Agitation". Sie würde die Zahlungen am liebsten ganz einstellen. Stattdessen sollen mehr Fördermittel an kleinere Kirchen gehen.
In einem heute erschienenen Interview mit der Augsburger Allgemeinen legte der katholische Bischof Gerhard Feige kurz vor der Wahl noch einmal nach. Er fühle sich mittlerweile an die 30er Jahre kurz vor der Machtergreifung erinnert und verstehe jetzt besser, wie es zum Erstarken der NSDAP gekommen sei. Der Demokratie attestierte der geistliche Würdenträger ein "Selbstzerstörungspotenzial" und warnte: "Nicht jeder, der demokratisch wählt oder gewählt wird, ist ein Demokrat."
Die alles entscheidende Fünf-Prozent-Hürde
Bei der Wahl geht es der AfD darum, die absolute Mehrheit im sachsen-anhaltinischen Landtag zu bekommen und damit die Chance auf eine Alleinregierung zu erhalten. Ihren Konkurrenten von CDU, SPD, Grünen und Linken kommt es wiederum darauf an, eben dies zu verhindern. Das BSW hat eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht von vornherein ausgeschlossen, es pocht jedoch auf einen überparteilichen Kandidaten bei der Ministerpräsidentenwahl im Landtag. Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund setzt hingegen auf eine Alleinregierung der AfD ohne eine Tolerierung durch das BSW.
Dafür muss die AfD nicht einmal 50 Prozent der Stimmen erreichen. Denn die Stimmen für Parteien, die unter der Fünf-Prozent-Hürde bleiben, werden für den neuen Landtag nicht gewichtet. Je nachdem, wie viele der kleineren Parteien nicht im Landesparlament vertreten sind, dürften womöglich auch schon 42 Prozent für eine Einparteienregierung der AfD ausreichen. Es könnte also eine Hängepartie bis zum endgültigen Wahlergebnis drohen, sowohl für die AfD als auch für ihre Kontrahenten.
Auf die Bedeutung der kleineren Parteien als mögliche Koalitionspartner der CDU zur Verhinderung einer AfD-Regierung setzt die Initiative "Taktisch wählen". Ihr maßgeblicher Unterstützer ist die Agentur "The Goodforces", die der SPD und den Grünen nahestehen soll. Die Initiative wirbt für das Wählen von SPD, Grünen und Linkspartei, nicht jedoch für die FDP oder das BSW.
Wahlkampfendspurt am Samstag
Am heutigen Samstag startet Sachsen-Anhalt in die letzte Phase des Wahlkampfs. Für die Parteien ist heute die letzte Chance, die Wähler von ihrem Programm zu überzeugen. Die AfD hält ihre Abschlusskundgebung am Samstagnachmittag in Magdeburg ab. Angekündigt sind beide Bundesvorsitzende, Alice Weidel und Tino Chrupalla, sowie ein Überraschungsgast. Die anderen Parteien sind ebenfalls noch einmal durch Infostände in vielen Städten Sachsen-Anhalts präsent.
Aber auch Proteste sind bereits angekündigt. So etwa eine als "großes Demokratiefestival" deklarierte Demonstration auf dem Magdeburger Domplatz, zu der rund 8.000 Teilnehmer erwartet werden. Verantwortlich dafür: "Sachsen-Anhalt Weltoffen!", ein breites Bündnis von Kirchen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. In Bitterfeld-Wolfen liegt dagegen das Zentrum eines antifaschistischen Protestcamps mit dem Motto "Schlechte Grüße aus Bitterfeld".