Der Rheinpegel in Köln ist seit Tagen auf einem historischen Tiefstand. Am Freitagmorgen wurde an der Kölner Messstelle 49 cm gemessen. Während die Elwis-Pegelvorhersage davon ausgeht, dass damit der Tiefpunkt erreicht ist, meldete t-online am Mittwoch, dass der Pegel am Freitag noch auf 47 cm sinken könnte. Damit würde der historische Tiefstand von 67 cm aus dem Oktober 2018 um 20 cm unterschritten.
Doch was unterscheidet den Sommer 2026 von anderen trockenen Sommern wie zum Beispiel in den Jahren 2003 und 2018? Es gab Sommer, in denen die Hitze- und Trockenheitsperioden weitaus extremer waren als im Jahr 2026. Warum ist der Rheinpegel im vergleichsweise milderen Sommer 2026 dennoch viel stärker gesunken? Gibt es 2026 nach Aufzeichnung der Chronisten tatsächlich den niedrigsten Pegelstand am Rhein?
Laut der Informationsplattform Undine war der Sommer 2003 in Deutschland der heißeste seit dem Jahr 1901. Der Juni 2003 war südlich von Main und Mosel sogar der heißeste Juni seit Beginn der Temperaturaufzeichungen. Die damalige außergewöhnliche Hitze- und Trockenheitsperiode hatte eine anhaltende Erhöhung der Wassertemperatur des Rheins zur Folge. Wer in der Hitzeperiode 2003 am Rheinstrand in Köln baden ging, hatte anschließend häufig mit Hautausschlägen und Magen-Darm-Problemen zu kämpfen.
Überhitztes, verseuchtes Rheinwasser
Das Rheinwasser war damals nicht nur zu warm. Es war mit Zehntausenden von Fischlaichen verseucht. Der Rhein führte in dem Jahr mehrere Monate lang weit über dem Durchschnittswert erwärmtes Wasser. Wie die Schaffhausener Nachrichten am 25. Juli 2018 berichteten, war das Wasser im Rhein im Jahr 2003 141 Tage über 25 Grad warm.
An vielen Stellen soll die Wassertemperatur anhaltend zwischen 26 und 28 Grad gemessen worden sein. Die Äschen im Rhein erlitten bei Wassertemperaturen ab 25 Grad ein wärmebedingtes Organsterben. 90 Prozent des Äschenbestands im betroffenen Hochrheingebiet ging kaputt. Das gleiche Szenario drohte im Hitzesommer 2018. Vorsorglich wurden in dem Jahr in den kühleren Zuflüssen Rückzugsgebiete für bedrohte Fische eingerichtet. Nach den Erfahrungen mit dem Fischesterben im Jahr 2003 entschieden Fischereiverbände im Jahr 2018, bestimmte Arten vorbeugend abzufischen.
Ursache für Niedrigwasser im Rhein
Trotz vergleichsweise extremerer und länger andauernder Hitzewellen in den Jahren 2003 und 2018 gab es aber in jenen Sommern nicht solche niedrigen Rheinpegelstände wie im Jahr 2026. Wie lässt sich das erklären? Zwar wurde auch im Jahr 2018 am Kölner Rheinpegel mit 67 cm ein angebliches Rekordniedrigwasser gemessen – allerdings erst im Oktober des Jahres.
Wie erklären Fachleute die Ursachen für das diesjährige Rekordniedrigwasser im Rhein? Schließlich gab es 2026 kürzere und schwächere Trocken- und Hitzeperioden als in den Jahren 2003 und 2018. 2026 war es nur im Juli ein paar Tage extrem heiß. Außerdem gab es im Frühsommer 2026 viel mehr Niederschläge als in den Jahren 2003 und 2026.
Geringe Niederschläge und fehlendes Schmelzwasser aus den Alpen
Eine Erklärung lieferte Anfang August der Deutschlandfunk (DLF). Dieser berichtete, das aktuelle Niedrigwasser liege am "Kollaps der alpinen Wasserspeicher". Demnach speise sich der Wasserzufluss des Rheins in den Sommermonaten maßgeblich aus den Alpen. Hier liege der gravierendste Unterschied zu früheren Dürrejahren. Das im Jahr 2026 fehlende Schmelzwasser von Schnee und Gletscher aus den Alpen habe zu den Rekordniedrigständen in den Flüssen geführt.
Der WDR zitierte dazu am 10. August den ARD-Meteorologen Andreas Wagner: "Üblicherweise füllen sich die Schweizer Seen und der Bodensee durch starke Schneeschmelze im Frühjahr und Sommer. Doch der Winter war schneearm, der Frühsommer sehr heiß. So blieb die große Schneeschmelze aus."
Pegel und Fahrrinne: Berechnung der Flusstiefe
Am Wochenende sollen sich die Messwerte am Kölner Pegel entsprechend der aktuellen ELWIS-Pegelvorhersage um die historischen Tiefstände dieser Woche bewegen. Die tatsächliche Fahrrinnentiefe beträgt in Köln rund 1,11 Meter. Das bedeutet, dass der Rhein von der Flussoberfläche bis zum Grund gemessen in der Fahrrinne aktuell 1,63 Meter tief ist. Dieser Wert ergibt sich aus der Summe von Tiefe der Fahrrinne plus Pegelstand an der Ufermessstelle. Deshalb können flachgehende Frachtschiffe den Fluss mit reduzierter Ladung weiterhin passieren.
Rekorddürre im Jahr 1540: Als der Rhein zu Fuß und zu Pferde durchschritten werden konnte
Das Extremste in der Geschichte bekannte Niedrigstandwasser im Rhein verzeichnen Chronisten für das Jahr 1540. Unter der Überschrift "So schlimm war der Glutsommer von 1540" berichtete die Schweizer Zeitung Blick am 3. Juli 2014 über die damalige Dürrekatastrophe im Mittelalter:
"Im historischen Mega-Rekordsommer 1540 konnte der Rhein teilweise zu Fuss durchschritten werden. Der Wasserstand sank auf nur gerade 10 Prozent der normalen Abflussmenge. Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2003 führte er noch 63 Prozent seiner üblichen Wassermenge. 1540 regnete es elf Monate lang kaum. Der Bodensee trocknete soweit aus, dass die Menschen damals trockenen Fusses auf die Insel Lindau kamen. Die Felder verkümmerten und das Vieh starb. Der Juli sei gar 'bis an sein Ende glühend und schrecklich' gewesen, hielt ein Elsässer Weinbauer damals fest."
Mit ihrer Forschung belegten die beiden Schweizer Klimaforscher Christian Pfister und Olivier Wetter, wie extrem das Ereignis im Jahr 1540 war. Sie stellten fest:
"Zwei bis drei Millionen Quadratkilometer Europas waren von einer elfmonatigen Megadürre heimgesucht. Es ist Europas grösste Naturkatastrophe seit Menschgedenken. So lange war es in Europa noch nie so trocken."
Am 2. August beschrieb Euronews auch die Auswirkungen der Dürrekatastrophe im Jahr 1540. Demnach habe Mitteleuropa vor rund 486 Jahren ein Jahr erlebt, in dem es elf Monate nicht regnete. Ein internationales Forscherteam habe anhand von 300 dokumentarischen Wetterberichten aus jener Zeit die Folgen der damaligen Katastrophe untersucht. Die Folgen der Dürrekatastrophe seien gewaltig gewesen. Menschen und Tiere litten an Wassermangel. Viele Haustiere starben. Hungersnot breitete sich aus. Die Menschen erkrankten am Konsum verunreinigten Wassers. Seuchen breiteten sich aus.
Aufgrund der ausgetrockneten Vegetation sollen Brände besonders schnell außer Kontrolle geraten sein. Insbesondere in Deutschland seien mehr Gemeinden als je zuvor in Friedenszeiten von Bränden zerstört worden. Die Dürre habe auch zu gesellschaftlichen Spannungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Wasserstellen geführt. Nicht jedermann hatte mehr Zugang zu Wasser. Verbliebene Brunnen wurden bewacht. Im Bericht hieß es dazu: "Auch gesellschaftlich hatte die Hitze und Dürre Auswirkungen: es kam zu Spannungen, Verfolgungen und Hinrichtungen."
Menschengemachter Flussumbau
Vom menschengemachten Klimawandel oder zu viel CO₂ in der Atmosphäre als Ursache für die Dürre- und Hitzeperiode war im Mittelalter noch nicht die Rede. Aktuell soll allerdings ein "menschengemachter Klimawandel" Dürren und Hitzewellen verursachen. Dagegen soll nun mit menschengemachten Flussvertiefungen vorgegangen werden. Zuletzt hat sich auch der grüne NRW-Umweltminister Oliver Krischer für den Flussumbau ausgesprochen. Im DLF hieß es dazu am 3. August:
"Vor diesem Hintergrund hat sich inzwischen auch der grüne NRW-Verkehrs- und Umweltminister Oliver Krischer für eine Vertiefung der Fahrrinne ausgesprochen und den Bund aufgefordert, die Mittel für den Ausbau zwischen Duisburg und Köln bereitzustellen."
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