Estland hat die Behauptungen des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij zurückgewiesen, dass Moskau einen Angriff auf die baltischen NATO-Mitglieder vorbereiten könnte. Dies erklärten die estnischen Behörden unter Berufung auf die Information des Geheimdienstes des Landes.
Am Sonntag sagte Selenskij, Moskau plane möglicherweise eine neue Mobilisierungskampagne, um die Militäroperation in der Ukraine zu intensivieren oder eine kleinere Operation gegen einen der baltischen Staaten zu starten.
Der estnische Außenminister Margus Tsahkna sagte am Montag gegenüber dem Rundfunk- und Fernsehsender ERR, dass Kiew seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 wiederholt über einen möglichen Angriff auf die baltischen Staaten seitens Russlands gesprochen habe. Laut Tsahkna erschwerten solche Äußerungen eines Verbündeten die Zusammenarbeit. Der estnische Außenminister erklärte zudem, dass Selenskijs Behauptung eines möglichen russischen Angriffs jeglicher Grundlage entbehre. Der Diplomat sagte:
"Solche Aussagen entsprechen nicht unseren Geheimdienstinformationen und unserer Einschätzung der Bedrohungslage. Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass Russland seine Streitkräfte konzentriert oder einen militärischen Angriff auf die NATO oder die baltischen Staaten vorbereitet."
Der estnische Auslandsnachrichtendienst (EFIS) urteilte im Februar in seinem jährlichen Bericht, dass Moskau für Estland in den kommenden Jahren keine Bedrohung darstelle.
Marko Mihkelson, Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des estnischen Parlaments Riigikogu, erklärte gegenüber ERR ebenfalls, dies sei nicht das erste Mal, dass die ukrainische Führung die baltischen Staaten gewarnt habe, dass sie die Nächsten seien. Er wies darauf hin, dass dieses Thema auch während der Treffen mit den Ukrainern angesprochen worden sei. Mihkelson ist der Meinung, dass die Verbündeten im Falle einer ernsthaften Bedrohung Informationen untereinander austauschen und nicht in den Medien Aufsehen erregen sollten.
Estland, einer der wichtigsten Unterstützer Kiews, tritt für die Erhöhung der Militärausgaben in Europa auf. Im Februar erklärte Tsahkna, dass die Republik die Stationierung von NATO-Atomwaffen auf seinem Territorium nicht ausschließe. Tsahkna wörtlich:
"Wir sind nicht gegen die Stationierung von Atomwaffen auf unserem Territorium. Wir haben keine Doktrin, die es ausschließen würde, Atomwaffen auf unserem Territorium zu stationieren, falls die NATO dies gemäß unseren Verteidigungsplänen für notwendig hält."
Westliche Beamte nutzen seit langem Behauptungen über eine drohende Aggression seitens Russland, um die Erhöhung der Militärausgaben zu rechtfertigen. Es geht dabei um den 800 Milliarden Euro schweren EU-Plan unter dem Namen "ReArm Europe" und die Versprechungen der NATO-Staaten, ihre Verteidgungsausgaben auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen.
Moskau hat den Vorwurf angeblicher russischer Angriffspläne wiederholt zurückgewiesen. Im Oktober 2025 hatte der russische Außenminister Sergei Lawrow bekräftigt, Russland habe nicht die Absicht, die NATO- oder die EU-Mitgliedstaaten anzugreifen. Im Januar betonte er, dass es die europäischen NATO-Länder seien, die sich auf den Krieg gegen Russland vorbereiteten und dies "nicht geheimhalten."
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