Entgegen den Friedenshoffnungen spitzt sich die schwere Energiekrise weiter zu

Das Scheitern der Waffenruhe im Nahen Osten löste einen erneuten starken Öl- und Gaspreisanstieg aus. Auf den Märkten breiteten sich wieder begründete Befürchtungen aus, dass sich die schwere Energiekrise noch lange hinziehen könnte. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist erneut zum Erliegen gekommen. Welche Konsequenzen wird dies nach sich ziehen?

Von Olga Samofalowa

Die Hoffnung auf einen Waffenstillstand im Nahen Osten ist gescheitert, und die Öl- und Erdgaspreise sind erneut stark gestiegen, wodurch die am Freitag nach der Ankündigung des Waffenstillstands und der Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus verzeichneten Preisrückgänge teilweise wieder ausgeglichen wurden. Am Wochenende kaperten die US-Seestreitkräfte ein iranisches Schiff, das auf dem Weg in die Straße von Hormus war und die Aufforderung zum Anhalten ignoriert hatte. Als Reaktion darauf stellte der Iran die militärische Kontrolle über die Straße von Hormus wieder her und lehnte die Teilnahme an neuen Verhandlungen ab.

Nach Angaben von SynMax und Kpler kam der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus am Montag fast vollständig zum Erliegen. Zuvor fand noch ein begrenzter Schiffsverkehr statt, da der Iran einige Schiffe passieren ließ. Was eine weitere Verschlechterung der Situation verhindert, ist das russische Öl.

Nicht ohne Grund treffen die USA erneut eine für sie politisch schwierige Entscheidung und verlängern die Ausnahmeregelung für russisches Öl um einen weiteren Monat: Diese erlaubt es anderen Ländern, russisches Öl zu kaufen, das sich bereits auf See befindet.

Wladimir Tschernow, Analytiker bei Freedom Finance Global, äußert sich dazu wie folgt:

"Washington hat eine einfache Tatsache erkannt: Es ist derzeit für die Weltmarktpreise zu gefährlich, gleichzeitig sowohl einen Teil der Öllieferungen aus dem Nahen Osten als auch bedeutende russische Seetransportmengen vom Markt zu nehmen. Ohne russische Kohlenwasserstoffe sähe die Lage deutlich schlimmer aus, und zwar nicht in theoretischer, sondern in praktischer Hinsicht. Die Weltmärkte verzeichneten seit Ende Februar bereits einen Verlust von über 500 Millionen Barrel Öl, und die Instrumente zur raschen Stabilisierung sind fast ausgeschöpft.

Vor diesem Hintergrund ist russisches Öl zu einer der wenigen großen alternativen Seetransportquellen für Asien geworden. Es gleicht zwar nicht das gesamte Defizit aus, mildert aber die Ausmaße des Schocks. Deshalb haben sich die USA für eine Lizenzverlängerung entschieden, obwohl dies für sie aus politischer Sicht eine sehr heikle Entscheidung ist."

Das Scheitern des Waffenstillstands weckte erneut die Befürchtung, dass der Energieschock nicht nur von kurzer Dauer, sondern langwierig sein könnte. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) handelt es sich um die größte Energieversorgungsunterbrechung der modernen Geschichte, deren Folgen noch monatelang zu spüren sein werden.Tschernow prognostiziert:

"Sollte der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus in den nächsten Tagen nicht normalisiert werden, wird der Markt erneut von einem härteren Szenario ausgehen – also von teurem Öl, teurem Gas, weltweit steigender Inflation und zunehmendem Druck auf die wirtschaftlich schwächsten Länder. Sollte zumindest ein Teil des Schiffsverkehrs wieder stabilisiert werden, würden die Preise zwar weiterhin hoch bleiben, doch könnte das Extrem-Szenario einer globalen Energiekrise vorerst abgewendet werden."

All dies erhöht das Risiko einer starken weltweiten Inflation. Der Experte erläutert:

"Zunächst verteuern sich die Rohstoffe. Dann steigen die Preise für Diesel, Flugbenzin, Flüssigerdgas (LNG), Fracht, Versicherungen, Chemikalien und Düngemittel. Anschließend schlägt sich der Preisdruck auf Fracht-, Energie- und Lebensmittelpreise und letztlich auf die Endverbraucherpreise nieder. Am stärksten betroffen sind arme Energieimporteure, wo sich der Anstieg der Kraftstoffpreise schnell auf Verkehrs-, Versorgungs- und Lebensmittelkosten auswirkt."

Wie entwickelte sich die Ölpreisdynamik im Verlauf dieses Konflikts, der nun schon fast sieben Wochen andauert? Das "schwarze Gold" war starken Preisschwankungen ausgesetzt. Vor der militärischen Eskalation kostete ein Barrel Öl der Sorte Brent im Januar 61 US-Dollar, stieg aber zum Ende des ersten Quartals auf 118 US-Dollar. Tschernow weist darauf hin:

"Nach den am 28. Februar erfolgten Militärschlägen und der faktischen Unterbrechung des normalen Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus beschleunigte sich der Preisanstieg drastisch. Am 7. April erreichte der Spotpreis für Rohöl der Sorte Brent 138,21 US-Dollar pro Barrel. Dies war der Höchststand der aktuellen Krisenphase. Anschließend reflektierte der Markt allmählich die Erwartungen einer teilweisen Wiederaufnahme der Lieferungen und eines potenziellen politischen Einvernehmens. Am 17. April sank der Preis für Rohöl der Sorte Brent innerhalb eines Tages um etwa 9 Prozent und tendierte im Preisbereich von 90 US-Dollar, nachdem der Iran erklärt hatte, die Straße von Hormus während der Dauer der Waffenruhe vorübergehend freizugeben.

Doch bereits am 20. April stieg der Ölpreis erneut um fast 5 Prozent auf 94,75 US-Dollar pro Barrel, als klar wurde, dass der Waffenstillstand gescheitert war und der Schiffsverkehr durch die Straße de facto nicht wiederaufgenommen wurde."

Ihm zufolge habe der Ölpreis jedes Mal, wenn der Markt das Risiko einer tatsächlichen physischen Verknappung und einer anhaltenden Lieferstörung sah, einen sprunghaften Anstieg verzeichnet. Aber jedes Mal, wenn sich die Chance auf eine Konfliktpause, eine teilweise Öffnung der Straße von Hormus oder neue Verhandlungsrunden abgezeichnet habe, sei es zu einem ebenso starken Preisrückgang gekommen. Der Markt habe also weniger auf das aktuelle Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage reagiert als vielmehr auf die Wahrscheinlichkeit der Ausfälle oder der Wiederaufnahme der Öllieferungen aus dem Nahen Osten.

Im Jahr 2025 wurden etwa 25 Prozent des weltweiten Ölhandels über die Straße von Hormus abgewickelt, und es ist völlig unmöglich, ohne diese Route auszukommen. Tschernow merkt an:

"Daher interpretiert der Markt jedes Signal zur Schließung der Straße von Hormus als Risiko eines sofortigen Ausfalls von Millionen Barrel pro Tag, und jedes Signal zur Öffnung dieser Straße als Chance auf eine rasche Entspannung der Lage."

Eine zweite Tendenz sieht der Experte darin, dass der Ölpreis in diesem Konflikt nicht nur aufgrund der Nervosität der Märkte steigt, sondern auch aufgrund eines tatsächlichen Rückgangs des Angebots. Nach Angaben der IEA belief sich das durchschnittliche Förderausfallvolumen im März auf 7,5 Millionen Barrel pro Tag und könnte im April 9,1 Millionen Barrel pro Tag erreichen. Laut Berechnungen von Kpler gingen dem Weltmarkt seit Ende Februar mehr als 500 Millionen Barrel Öl und Kondensat verloren, und die entgangenen Einnahmen beliefen sich auf über 50 Milliarden US-Dollar.

Daraus ergibt sich auch die dritte Tendenz: Wenn sich die Lage verschlechtert, steigen die Preise für Öl der Sorte Brent sowie für physische Sorten, die von der Seelogistik abhängig sind, stärker an als die für WTI. Im März betrug die Differenz zwischen Brent und WTI bis zu 25 US-Dollar pro Barrel.

Auf dem Gasmarkt sieht die Situation anders aus. Tschernow erklärt:

"Der Ölmarkt ist flexibler, es gibt strategische Reserven und etwas mehr Möglichkeiten, die Lieferungen umzuleiten. Auf dem Gasmarkt, insbesondere dem LNG-Markt, gibt es mehr Engpässe. Fast 90 Prozent des LNG, das durch die Straße von Hormus transportiert wurde, waren für Asien bestimmt."

Im Jahr 2025 wurden über die Straße von Hormus mehr als 110 Milliarden Kubikmeter Flüssigerdgas transportiert, was fast einem Fünftel des weltweiten LNG-Handels entspricht. Die wichtigsten Lieferanten sind Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, denen keine alternativen Transportwege für den LNG-Export zur Verfügung stehen.

Daher überrascht es nicht, dass die Gaspreise noch stärker auf diese Situation reagieren. Mitte März stiegen die TTF-Futures auf über 60 Euro pro MWh, gingen jedoch nach der Meldung über die vorübergehende Öffnung der Straße von Hormus am 17. April wieder auf unter 39 Euro pro MWh zurück. Der Experte kommt zu dem Schluss:

"Die Lage bei den Gaslieferungen hängt jedoch stärker vom Schicksal des katarischen LNG, dem Stand der Lagerbestände in Europa und der Fähigkeit Asiens ab, freie Ladungen aus dem Atlantik an sich zu ziehen. Mit anderen Worten: Am Ölmarkt herrscht allgemeine Angst vor einer Kraftstoffknappheit, während am Gasmarkt zusätzlich die Angst vor der physischen Nichtverfügbarkeit genau der benötigten Stoffe in der jeweiligen Region eine Rolle spielt. Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht darin, dass die Auswirkungen auf Europa derzeit etwas milder sind als auf Asien. Dies liegt daran, dass laut IEA nur etwa 7 Prozent aller europäischen Lieferungen über die Straße von Hormus abgewickelt wurden."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 21. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

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